Gute Zeiten für Altbewerber

Nie waren die Chancen so gut wie jetzt

Es gibt wieder mehr Lehrstellen. Davon haben nicht nur die diesjährigen Schulabgänger profitiert, sondern auch viele so genannte Altbewerber. Gemeint sind diejenigen, die seit 2007 oder früher einen Ausbildungsplatz suchen.

Der Anteil der Altbewerber unter den Lehrstellenbewerbern war in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen. Nach den aktuellsten Daten der Bundesagentur für Arbeit lag ihre Zahl jetzt erstmals deutlich niedriger. Die Arbeitsvermittler gehen davon aus, dass die steigenden Lehrstellenangebote, die geringere Geburtenrate in der aktuell nach Lehrstellen suchenden Generation und die „intensiven Bemühungen der Bundesagentur“ für die verbesserte Lage verantwortlich sind.

20,6 Prozent Rückgang
So ging die Zahl der Altbewerber deutlich stärker zurück als die Zahl der Bewerber aus dem aktuellen Schulentlassungsjahr. Und zwar um 20,6 Prozent bei Bewerbern aus dem Vorjahr, beziehungsweise um 14,0 Prozent bei Bewerbern aus noch früheren Jahren gegenüber einem Minus von 11,8 Prozent bei allen Bewerbern. Die Zahlen zeigen den Stand zum Abschluss des Berufsberatungsjahres 2007/2008 am 30. September. „Die Altbewerber werden nicht völlig verschwinden, aber die Neuzugänge werden weniger, und der Bestand schmilzt“, sagt Markus Kiss vom Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK). Die Chancen für Altbewerber, in diesem Jahr eine Lehrstelle zu finden, seien daher so gut wie schon lange nicht mehr.

Mehr Plätze als Abgänger
So zieht man etwa in der Region Heilbronn-Franken eine erfolgreiche Bilanz zum aktuellen Jahr. Erstmals gab es mehr Ausbildungs- und Schulplätze als Abgänger von allgemeinbildenden und beruflichen Schulen. Für Altbewerber stehen rund 1850 Angebote zur Verfügung. Dieses erfreuliche Fazit ziehen die Partner des regionalen Ausbildungspaktes.

6815 Ausbildungsverträge waren Ende September in der Region unterschrieben, 5,2 Prozent mehr als im Vorjahr. Im Bezirk der Agentur für Arbeit im Main-Tauber-Kreis gab es zum Stichtag 3,7 Plätze, in Heilbronn 7,1 Plätze und in Hohenlohe und Schwäbisch Hall gar 11,4 Plätze auf einen unversorgten Bewerber. Auch für Altbewerber stehen die Chancen daher ausgezeichnet.

Spektrum erweitern
Sie lassen sich Kiss zufolge noch erhöhen, wenn die Stellensuchenden entsprechend flexibel sind. „Viele haben das Spektrum der Berufe, nach denen sie suchen, schon erweitert“, so der DIHK-Ausbildungsexperte. Wenn das keinen Erfolg hatte, sei es vernünftig, sich in eine Richtung zu orientieren, in der man es noch nicht versucht hat. „Es gibt schließlich noch offene Stellen, und manche Branchen, wie das Hotel- und Gaststättengewerbe, suchen ausdrücklich Auszubildende.“

Im Westen keine Lücke mehr
Am Ende des Berufsberatungsjahres waren bundesweit 14500 Bewerber noch unversorgt, 18200, beziehungsweise 55,7 Prozent weniger als vor einem Jahr. Damit blieben deutschlandweit nur 2,3 Prozent aller Bewerber ohne Lehrstelle oder alternatives Angebot. Die Zahl der Ende September noch unbesetzten Ausbildungsstellen lag mit 19500 um 1100, beziehungsweise 6,3 Prozent über dem Vorjahreswert. Somit ist die rechnerische Differenz zwischen der Zahl der unversorgten Bewerber und der unbesetzten Ausbildungsstellen erstmals seit 2001 wieder positiv – das heißt, die so genannte „Lücke“ ist verschwunden und es gibt einen Überhang von 5000 Lehrstellen. Diese gute Bilanz gilt allerdings nur für Westdeutschland. Hier liegt der Überhang bei 6500 Stellen. In Ostdeutschland gab es dagegen 1600 mehr unversorgte Bewerber als unbesetzte Stellen. Im vergangenen Jahr lag die bundesweite „Lücke“ noch bei 14300 Stellen. Nun befindet man sich mitten im so genannten „fünften Quartal“ von Oktober bis Mitte Januar. In der Nachvermittlung bemühen sich die Arbeitsagenturen in Zusammenarbeit mit den Industrie- und Handelskammern, Bewerbern, die bis dahin leer ausgegangen sind, noch zu einem Ausbildungsplatz zu verhelfen. Ist das nicht möglich, wird üblicherweise eine Einstiegsqualifizierung angeboten.

Arbeitsagentur optimistisch
„Vor allem die bisherigen Erfahrungen des Nationalen Paktes für Ausbildung sprechen dafür, dass eine große Anzahl der derzeit noch unbesetzten Stellen mit Auszubildenden besetzt werden und im Gegenzug bislang unvermittelte Bewerbern einen Ausbildungsplatz oder eine Alternative finden“, gibt sich die Arbeitsagentur optimistisch. Und auch danach gehen die Lichter noch nicht aus. Die Nachvermittlungsaktivitäten des Paktes führen auch noch in den ersten Monaten des neuen Kalenderjahres zu positiven Ergebnissen. „Mit den Ende September gemeldeten unbesetzten Ausbildungsplätzen und den noch unbesetzten Einstiegsqualifizierung-Stellen stehen genügend Angebote zur Verfügung, um allen ausbildungswilligen und ausbildungsfähigen Jugendlichen einen Einstieg ins Berufsleben zu ermöglichen, „ sagt die Agentur.

Praktikum als Chance
Bei der Einstiegsqualifizierung machen die Jugendlichen ein Praktikum in einem Betrieb, das meist zwischen einem halben und einem Jahr dauert. Gerade auch für Altbewerber ist das eine Möglichkeit, auf diesem Weg noch an eine Lehrstelle zu kommen. Mehr als 60 Prozent der Teilnehmer findet so noch einen Ausbildungsplatz.

Prämie für Arbeitgeber
Hilfreich kann auch der neue Ausbildungsbonus sein. So können Betriebe, die einen Altbewerber einstellen, nun eine Prämie von bis zu 6000 Euro erhalten. Nach den Erwartungen der Bundesregierung sollen so rund 100000 Altbewerber einen Ausbildungsplatz bekommen. Derzeit ist es aber noch zu früh, um zu beurteilen, inwieweit das Modell funktioniert, sagen Experten.

Studie zeigt: Altbewerber sind nicht schlechter
Altbewerber sind übrigens nicht unbedingt die schlechteren Lehrstellensuchenden: Nach einer Studie
des Bundesinstituts für Berufsbildung in Bonn haben sie vergleichbare Schulabschlüsse und auch ungefähr die gleichen Noten in Fächern wie Deutsch und Mathe. Allein die Tatsache, schon länger auf der Suche zu sein, verringere aber ihre Chancen. Seit Anfang der 90er Jahre war die Zahl der Altbewerber kontinuierlich gestiegen. Von den 734300 Lehrstellensuchenden 2007 waren rund 385000 Altbewerber. ¦

Foto: istockphoto.com

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